Bildung Brennt

Die Bildung brennt! Unsere Bildung brennt! Aber warum und brennt sie eigentlich? Wer oder was hat sie angezündet? Warum wurde sie angezündet? Warum „löschen“ wir sie nicht einfach? Fragen über Fragen. Aber genau so wie jede gute Prüfungsfragensammlung haben wir auch Antworten auf diese Fragen! (…zumindest auf einige)

Wie die meisten von Euch wahrscheinlich schon mitbekommen haben, gab es am Dienstag 12.01.2010 österreichweit in mehreren großen Städten Kundgebungen von #bildungbrennt bezüglich der UG-Novelle. (Für alle die das verpasst haben ein kleiner pro Tipp am Rande: der HTU-Newsletter birgt so manch wundersame Informationen in sich. Es lohnt sich also wirklich ihn zu lesen.)
In Graz startete die Veranstaltung gegen 16:00 Uhr am Hauptplatz und endete etwas vor 18:00. Trotz der eisigen Kälte -welche eher Sympathie für Tiefkühlgemüse erweckte und brennende Bildung als Wärmequelle deutlich attraktiver klingen ließ- und der COVID-19 Pandemie, gab es reichlich Publikum.

Menschenmenge auf dem Hauptplatz mit Abstand zueinander verteilt. Einige Personen tragen Schilder.
Foto: Desmond Grossmann


Auf dem Programm standen sowohl Rednerbeiträge von Studierende als auch von Universitätspersonal, welche wertvolle Einblicke in die verschiedenen betroffenen Bereiche schaffen konnten. Nach den ersten fünf Beiträgen, gab es eine kurze musikalische Zwischenpause. Ebenso nach den restlichen 4 Beiträgen.

Egal ob vor Ort, durch eine andere Person vorgetragen, oder gar als Aufnahme abgespielt, alle neun Beiträge konnten verschiedene, aber auch gemeinsame, Einblicke in die Probleme der Novelle schaffen. Was jedoch alle gleich sahen, war, dass die Novelle eine deutliche Verschlechterung in fast allen Bereichen ist. Und das obwohl und die Erläuterung zum Gesetzestext folgendes behauptet: „Wichtigstes Ziel dieser Novellierung soll die Weiterentwicklung eines lebensnahen und leistungsbezogenen Studienrechts, das Verbindlichkeit fordert und Studierbarkeit fördert, sein. Drop-outs sollen gesenkt und die Studiendauer verkürzt werden. “. 1

Wie die Studierbarkeit jedoch verbessert werden soll, indem einem weiterer Steine in den Weg gelegt werden, ist allen ein Rätsel.
Man verlangt von Studierenden in Zukunft besser und schneller zu sein, jedoch wird keine wirklich Hilfe dafür geschaffen. Wie man aus der Studierenden-Sozialerhebung 2019 entnehmen kann, sind 48% der Eltern von Studierenden „Teils/teils“ Wohlhaben, sowie 32% der Eltern als „(Sehr) wohlhabend“ eingestuft. Ebenso, „[sind] StudienanfängerInnen, deren Eltern ein höheres Bildungsniveau aufweisen, an den Hochschulen im Vergleich zur inländischen Wohnbevölkerung überrepräsentiert.“ 2 Das bedeutet auch, dass nicht alle Studierende junge Menschen sind, die mit ausreichend finanziellen Mitteln oder Unterstützung sofort nach der Matura sich ausschließlich auf ihr Studium konzentrieren können. Viele Studierende müssen ihr gesamtes Studium lang Arbeiten, um sich nicht nur ihr Studium, sondern auch ihre Miete, ihren Strom und andere Lebensnotwendige Güter leisten zu können. Solche werden ganz klar von einer Mindestleistung, sowie reduzierte Prüfungsantritte benachteiligt. Denn ECTS kann man nicht essen, sie zahlen einem nicht die Miete und auch nicht den Strom, so Natali Lujic.

Aber nicht nur finanziell schwache Personen sind davon betroffen. Betreuungspflicht, verschiedene Beeinträchtigungen und -wie oben schon erwähnt- Erwerbstätigkeit, sind durchaus weitere Faktoren warum, solche Maßnahmen sozial selektiv und dementsprechend nicht wünschenswert sind.

Noch kurioser wird es sobald man den §1(1) (welcher übrigens bereits in dieser Form besteht und NICHT abgeändert wird, also für gut befunden wurden) des UG anschaut, aus welchen sowohl Desmond Grossman als auch André Menrath Teile zitierten. Und weil angeblich alle guten Dinge drei sind, wird hier auch noch mal daraus zitiert.

„Universitäten sind Bildungseinrichtungen des öffentlichen Rechts, die in Forschung und in forschungsgeleiteter akademischer Lehre auf die Hervorbringung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse sowie auf die Erschließung neuer Zugänge zu den Künsten ausgerichtet sind. Im gemeinsamen Wirken von Lehrenden und Studierenden wird in einer aufgeklärten Wissensgesellschaft das Streben nach Bildung und Autonomie des Individuums durch Wissenschaft vollzogen.“ 3

Nachdem man davon gehört hat, fragt man sich durchaus warum man Studierende dazu drängt so schnell wie möglich ihr Studium abzuschließen, anstatt ihnen mehr Zeit zu geben, um sich auch ggfs. tiefer mit der Materie auseinander zu setzen? Vor allem gibt es ja auch ausreichend Politiker*innen welche doch schon seit geraumer Zeit studieren. Warum dürfen die das und wir in Zukunft nicht mehr? Sind sie denn etwas Besseres, als der Rest der Bevölkerung? (Leider semi-rhetorische Fragen, auf welche hier keine konkreten Antworten gegeben werden können. Erkenntnisse darüber können jedoch eventuell im Selbststudium erlangt werden, sofern dazu noch Zeit ist; es gibt leider keine ECTS dafür.)

Aber es geht bei dieser UG Novelle nicht nur um Studierende, die unter den Folgen leiden. Schließlich gibt es auf den Universitäten noch Personengruppen als Studierende, welche auch davon betroffen sind.

Evelyn Krall, Vorsitzende des Betriebsrats für wissenschaftliches und künstlerisches Universitätspersonal an der TU Graz, sprach sich klar gegen die neuen Regelungen für befristete Stellen aus. In Zukunft soll nämlich nur mehr eine einmalige befristete Direktberufungen für Universitätsprofessor*innen möglich sein, was jedoch stark im Gegensatz zu aktuellen Handhabungen und Üblichen Vorgehen sei und somit mehr schaden als Verbesserung hervorruft.

Ebenso wird die Verbindlichkeit, welche ein häufig anzutreffendes (Un-)Wort der UG Novelle ist, kritisiert. In Wahrheit fordere die Novelle fast ausschließlich Verbindlichkeit auf Seiten der Studierenden, was nicht wirklich von Gerechtigkeit und Sinnhaftigkeit zeugt. Anpassung der LVen hinzu einem realistischen ECTS workloads sind zwar durchaus begrüßenswert, jedoch handle es sich hierbei mehr um ein leeres Versprechen ohne wirkliche Absicherung gegenüber den Studierenden. Diese hingegen müssen mehr leisten und sollen dazu gedrängt werden schneller ihre Studien abzuschließen, was deutlich einfacher konkretisiert, überprüft und durchgesetzt werden kann.

All dies war jedoch nur die Spitze des Eisberges (und das nicht nur aufgrund der Kälte), der UG Novelle, welche gefühlt ähnlich viel Freude bereitet wie ein positives Ergebnis, eines COVID-19 Tests. Es wäre mir und wahrscheinlich vielen anderen ebenso deutlich lieber, wenn sie selbst kein Eisberg, sondern ein Schiff mit Ähnlichkeiten zur Titanic, wäre. Der Fokus dabei liegt vor allem auf das Aufeinandertreffen mit einem Eisberg.

Für all jene die gerne mehr konkretes als meine leicht zynisch anmutenden rhetorische Figuren lesen würden, gibt es auch eine Stellungnahme der HTU und einigen Studienvertretungen.

Foto: Sven Oprešnik

Fußnoten:

1. Erläuterum zum Gesetzestext der UG-Novelle, entnommen aus  https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVII/ME/ME_00079/index.shtml (14.01.2021)

2. Entommen aus Kernbericht der Studierenden Sozialerhebung 2019 (Unger et al. 2020: 1 und 117 ) https://www.bmbwf.gv.at/Themen/HS-Uni/Aktuelles/Positives-Zeugnis-f%C3%BCr-%C3%96sterreichs-Hochschulsystem-durch-die-Studierenden-Sozialerhebung-2019.html (14.01.2021)

3. Aktuell Geltende Fassung des Universitätsgesetz 2002 §1(1) https://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=20002128 (13.01.2021)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.