Weibliche Vorbilder der TU-Graz: Katrin Ellermann

Am 21. Dezember starteten wir mit unserem ersten Interview in der Reihe ‘weibliche Vorbilder der TU-Graz’ mit Frau Professor Katrin Ellermann. Sie wurde im Jahr 1972 in Hamburg geboren, hat dort auch ihr Studium in Maschinenbau abgeschlossen und ist heute Leiterin des Instituts für Mechanik. Sie erzählte uns von ihrem Leben, angefangen mit ihrem Einstieg in den deutschen Wettbewerb “Jugend forscht”.

Ein Bild von Katrin Ellermann
© TU Graz/Lunghammer


Sie haben mit 20 an dem Wettbewerb Jugend forscht
teilgenommen. Wie sind sie dazu gekommen?

Dazu bin ich über die Schule gekommen. Ich war damals in einem Gymnasium, was in Deutschland die übliche Variante ist, und hatte eher Interesse an den mathematischen, naturwissenschaftlichen Fächern. Einer meiner Lehrer hat in den Jahren davor auch schon andere Gruppen betreut und von den Erfolgen erzählt, die andere Schüler vor mir schon gehabt haben. Dass ich eine kleine Gruppe gefunden habe, mit der ich damals gemeinsam angetreten bin, kam eigentlich auch über diesen Lehrer ins Rollen.

Haben Ihre Eltern Sie, in Ihrer Entscheidung einer technischen Ausbildung nachzugehen, unterstützt?
Meine Eltern haben mich immer unterstützt, was auch immer ich gewollt habe. Also wenn ich ein anderes Fach gewählt hätte, hätten sie mich auch unterstützt. Denen war es wichtig dass ich meinen Weg gehe und so ein bisschen technisch vorbelastet, nicht direkt im Sinne von Maschinenbau, aber doch im Sinne von technischen Dingen, war ich durch meinen Vater. Also denen war es jetzt nicht unbedingt wichtig, dass ich studiere, aber wo ich Interesse gezeigt habe, haben sie gesagt, das unterstützen sie selbstverständlich. So im weiteren Umfeld der Familie gab’s schon Leute, die das ein bisschen altmodisch betrachtet haben. “Was muss das Madel denn jetzt auch noch studieren, Matura reicht doch’’, würde man hier sagen. Aber von meinen Eltern habe ich immer Unterstützung erfahren, also da ist kein Wunsch offen geblieben und sei es nur beratend.

War das Studium so, wie Sie es sich erhofft haben?
Das ist eigentlich ganz schwer zu beantworten. Auch rückblickend weiß ich nicht genau, was ich erhofft habe. Ich bin eigentlich ziemlich in dieses Studium hinein gestolpert, nach dem Motto “Man kann das mal probieren!”. Besonders im ersten, zweiten Semester kamen dann so ein paar Meldungen im Sinne von “Es ist ganz fürchterlich schwierig und das kann man so oder so alles nicht schaffen und nicht bestehen. Es ist wahnsinnig viel Arbeit.” Und ich werde auch nie vergessen, als wir die ersten zwei, drei Tage richtig im Studium waren, kamen die Mathematikergebnisse der Studienkollegen, die ein Jahr länger dabei waren, an. Und dann erzählen Kollegen, dass so und soviel Prozent Durchfallquote war und sie jetzt was anderes machen. Das war irgendwie so der Schock, den jeder Erstsemestrige in den allerersten Oktobertagen bekommen hat. Bei mir hat das eher ein bisschen den Dickkopf motiviert im Sinne von “Na, wenn die sagen, das ist schwierig, dann muss man sich wohl ein bisschen anstrengen und das mache ich jetzt. Dann werde ich schon sehen, ob ich das packen kann.” Also es war schon so, dass man da irgendwie am Anfang einmal ins kalte Wasser gestoßen wurde und natürlich verängstigt war. Ich glaub die ersten paar Semester
war ich so damit beschäftigt, dass ich da unbedingt durch wollte, dass ich vielleicht ein bisschen mehr Scheuklappen angelegt habe, als es gut gewesen wäre. Ich hab gesagt, ich will da durch und ich hatte von Beginn an ein paar Ziele, die ich erst etwas später im Studium realisieren konnte. Vielleicht eine Anekdote am Rande. Ich habe schon im ersten Semester die Damen vom Auslandsamt angesprochen, was ich denn machen muss, um ein Auslandsstudium machen zu dürfen. Und die damals sehr zurückhaltende Antwort war “Mach mal dein Vordiplom.” Also es war ein Rauswurf erster Klasse. Zwei Jahre später stand ich bei der gleichen Dame noch einmal und habe gesagt: ”Hier ist das Vordiplom, wo darf ich hin? Was muss ich machen?”, und dann habe ich auch schon alle Informationen erhalten. Aber da muss man eben durch.

Wie Sie ja schon eben erwähnt haben, haben Sie im Ausland studiert. Würden Sie jungen Studenten und Studentinnen empfehlen, dass sie ein Auslandssemester machen?
Ja, ich habe an der Cornell University studiert. Die ist im Staate New York.
Und sagen wir mal so, wenn Sie die exakt gleiche Frage vor einem Jahr gestellt hätten, hätte die Antwort auf jeden Fall ‘ja’ gelautet. Corona macht aber alles irgendwie ein bisschen anders, um es vorsichtig auszudrücken.
Ein technisches Studium ist ja immer noch eher männerdominiert. Haben Sie irgendwann mal negative Erfahrungen gemacht oder negatives Feedback bekommen? Also worauf ich die Frauen auch noch heute in technischen Studien hinweisen möchte ist, dass man als Frau keine Angst haben darf als bunter Hund zu gelten. Ich habe damit eigentlich keine negativen Erfahrungen gemacht, aber es gibt natürlich Frauen, die eher in der Masse untergehen möchten, und das geht in einem technischen Studium meines Erachtens so gut wie gar nicht. Gar nicht mal böse gemeint, aber man fällt allein durchs Geschlecht auf. Ein Klassiker war z.B. der eine Professor, der seine Gruppe immer mit “Guten Morgen, meine Herren” begrüßt hat und eine halbe Stunde später fiel ihm auf, dass ich auch im Raum war. Und dann bin ich über das ganze Semester hinweg immer 20 bis 30 Minuten nach Beginn der Vorlesung auf einmal persönlich begrüßt worden: “Ach Frau Ellermann, Sie sind ja auch da. Schön.” Ich hab die ganze Zeit dort gesessen und ich dachte: “Okay, vielleicht sollte ich mich in die erste Reihe setzen, damit er mich beim nächsten Mal gleich bemerkt.” Ich glaube nicht, dass er das Böse gemeint hat, aber so etwas passiert schon häufiger.

Haben Sie positive Erfahrungen gemacht weil Sie eine Frau sind?
Ich glaube, wenn man es als Frau schafft, egal mit was, dass man positiv auffällt, dann bleibt es gleich beim Gegenüber hängen. Und ich wage zu behaupten, dass meine männlichen Kollegen wahrscheinlich etwas Ähnliches zwei, drei mal hätten wiederholen müssen, um damit in Erinnerung zu bleiben. Also zum Beispiel, als ich aus dem Ausland wiederkam habe ich einem Professor meinen Ordner mit meinen Lehrunterlagen mitgebracht. Das musste man damals als Auslandsrückkehrer so machen, um seine Studienleistungen anerkennen zu lassen. Er hat sich irgendwie gemerkt, dass ich alles ganz gut absolviert hatte und er wusste damit natürlich auch ungefähr, wie weit ich im Studium war. Ein Jahr später hat er mich dann sehr gezielt gefragt: “Sie müssten doch jetzt ungefähr fertig sein. Ich hab da eine Stelle. Möchten Sie bei mir anfangen?” Und ich vermute mal, dass er sich das deswegen gemerkt hat, weil ihm eine Frau wahrscheinlich nicht allzu oft an dieser Stelle begegnet ist. Ich habe die Stelle leider nicht genommen, hab ewig ein schlechtes Gewissen gehabt, weil ich mich zugegebenermaßen etwas geschmeichelt gefühlt habe, dass er mich gefragt hat. Man ist dennoch positiv in Erinnerung geblieben, auch wenn man dann mal Nein sagt.

Hatten Sie weibliche oder männliche Vorbilder in ihrem Studium? Weibliche fallen mir momentan während des Studiums nicht ein, männliche schon. Es gab schon immer einzelne Personen an denen ich mich zumindest orientiert habe. Da gab es z.B. einen Lehrer, der im Prinzip ein ähnliches Studium gemacht hat oder auch Personen, die schon etwas weiter waren als ich, bei denen ich mir dachte: “Ach Mensch, das was der macht, das könnte mir auch irgendwie passen.” Dass ich eine Frau gefunden hätte, die einen Vorbildcharakter hatte, gab es eigentlich erst, als ich schon fast auf dem Sprung zur Professur war. Da war ich schon promoviert und eigentlich durch fast alles durch. Da hab ich dann eine Frau kennengelernt, die junge Professorin und vier oder fünf Jahre älter war als ich. Sie hätte auch für mich so eine Art Vorbildcharakter haben können, aber die hab ich halt vorher noch nicht gekannt. Und von daher waren weibliche Vorbilder aus meiner Sicht ein bisschen Mangelware.

Sie sind jetzt eigentlich schon seit einiger Zeit auf der TU Graz tätig, sowohl als Vortragende und als auch als Forscherin. Wie sieht der Tagesablauf von einer forschenden Person aus? Kann man das mit einem einem 9-5 Job vergleichen?
Nein. Also wenn man wirklich auf die Arbeitszeit genau schaut, dann ist der Job, den ich jetzt mache, eher nicht geeignet. Es gibt auch im Universitätsumfeld Positionen, wo man ein normales Arbeitspensum hat, aber das sind tendenziell nicht unbedingt die Institutsleiter Stellen. Oft sitzt man als Professorin nicht nur bis fünf im Büro. Wenn ein Antrag bis morgen fertig sein muss oder ein Dissertant noch ein Problem bei der Messung hat, dann sitzt man auch länger in der Uni. Das ist für die meisten auch normal, aber wenn es Probleme gibt, wo man sagt, da ist jetzt mal was privates wichtiger, dann hat man auch gewisse Freiheiten sich sein Uni-Umfeld so zu strukturieren, dass es trotzdem funktioniert.

Sie haben ja schon mehrere Publikationen veröffentlicht. Können Sie durchschnittlich sagen, wie viel Arbeit in sowas steckt oder ist das immer unterschiedlich, je nachdem, was das Thema ist?
Ich glaube, eine durchschnittliche Zeit kann man ganz schlecht angeben, insbesonder wenn man sich in irgendeine Thematik, die einem vorher nicht so geläufig war, neu einarbeitet. Dann ist die erste Publikation wahnsinnig schwer. Wenn man dann jedoch in einem Thema schon eingearbeitet ist dann läuft’s auf einmal und das ist auch eine Erfahrung, die die meisten Dissertanten bei uns machen. Das erste Paper ist immer das, was mit Abstand am längsten dauert und nicht unbedingt das Angenehmste. Ab dort werden die Abstände dann immer kürzer, dann sprudelt das auf einmal.

Forschen Sie eher in großen oder kleinen Gruppen und bevorzugen Sie das eine vor dem anderen ?
Also, das meiste sind eher kleine Projekte, von ungefähr zwei bis drei Personen bei uns am Institut und vielleicht noch einem Firmenpartner. Großprojekte sind eher selten. Ich würde sagen, irgendwo in der Mitte ist das Optimum. Wenn man allein im stillen Kämmerlein arbeitet ist das eher mühsam, weil man dann die Ideen alle selber haben muss. Je größer eine Forschergruppe jedoch wird, desto größer ist auch die Gefahr, dass da viele Leute eigentlich nur noch rumsitzen und gar nicht mehr wissen, was läuft. Dann kann die Kommunikation zwischen den verschiedenen Teilen des Teams dermaßen schwierig werden, dass man mehr mit der Kommunikation und Verwaltung beschäftigt ist als mit dem Forschen. Am liebsten mag ich es eigentlich irgendwo in der Mitte also ein Team mit etwa drei bis acht Leuten, da kann sich auch sowas wie eine Vertrauensbasis ausbilden. Das ist eigentlich das angenehmste Arbeiten, weil das Team auch Ideen liefern kann. Dort ist auch immer irgendwo einer noch guter Stimmung, der andere wieder aufbauen kann, wenn bei ihnen gerade die Messungen nicht hinhauen. Das, denke ich, ist ganz wichtig.
Nach welchen Kriterien suchen Sie sich Ihre Forschungsthemen aus? So ganz vom weißen Blatt, wo man sich überhaupt nicht auskennt, neu zu starten ist etwas problematisch. Also ich suche etwas, das an Themen, an denen ich bereits gearbeitet habe, angrenzt. Und da kann es sein, dass man z.B. eine mathematische Methode in einem Thema bearbeitet hat und die Methode jetzt auf etwas ganz anderes auch anwenden kann. Oder, dass der Ansatz nicht funktioniert hat und man sich eine neue Methode dafür sucht. So haben die Themen meistens eigentlich in irgendeiner Form Bezug zu einem anderen Thema, auch wenn das vielleicht für jemanden, der nicht vom Fach ist, manchmal nicht so leicht erkennbar ist. Und sind Sie auch zufrieden mit Ihren Entscheidungen? Ja, ich habe sie eigentlich nie bereut, obwohl ich sie mir nie so vorgestellt habe. So ähnlich, wie ich ins Studium gestolpert bin. Man weiß in vielen Fällen vorher nicht, was einen erwartet. Man macht den Sprung und probiert es mal aus. Und da gehört immer dazu, dass man irgendwann die Bereitschaft hat, wenn es nicht gepasst hat, eben diese Entscheidung auch zu überdenken und ganz bewusst wieder etwas anderes zu machen. Und wenn es gepasst hat, dann bleibt man eben dabei. So ähnlich habe ich es für mich immer gesehen. Und ja, ein paar Entscheidungen waren mutig und ein paar waren vielleicht nicht ganz so mutig, wie sie jetzt in der Rückschau klingen. Manchmal ist es gut, dass man vorher nicht weiß, was einen erwartet. Im Nachhinein würde ich sagen, sie waren zumindest passend für mich. Ich weiß zwar nicht, was passiert wäre, wenn ich es anders gemacht hätte, aber ich glaube, ich bin nach wie vor zufrieden mit ihnen. Ich habe zum Beispiel auch nicht gewusst, was mich im Ausland erwartet, aber im Nachhinein würde ich sagen, das war eine meiner wichtigsten Entscheidungen. Das sind so Erfahrungen, die lernt man eigentlich nur, wenn man mal irgendwo ins kalte Wasser springt, und dann muss man schon mal rudern.

Haben Sie eigentlich Freude am Unterrichten selber?
Ja, wenn man merkt, man hat bei jemanden so den Knoten aufgelöst, dass da irgendwo was vorher unklar war und jetzt ein Lichtlein bei der Person gegenüber aufgegangen ist. Also da sind schon Erfolgserlebnisse, auch bei den Lehrenden dabei und das ist momentan auch der schwierigste Aspekt bei der Lehre in diesem und dem letzten Semester. Man weiß gar nicht, ob die Studierenden, die an den Lehrveranstaltungen teilnehmen, wirklich erfolgreich einen Schritt weiterkommen. Das ist bei normaler Lehre, wie wir sie bis vor einem Jahr eigentlich immer gemacht haben, sehr viel eher zu erkennen. Im Gegensatz zu Lehrern, die in der Schule unterrichten, hat man mit Personen zu tun, ganz besonder dann bei Wahlfächern, die genau in diesem Bereich was lernen wollen. Das ist eigentlich auch sehr dankbar.

Welche Maßnahmen finden Sie gut, um Frauen in der Technik zu fördern? Was denken Sie, wie sich Geschlechterrollen heutzutage zeigen?
Ich finde schon gut, dass man Frauen animiert und motiviert, da hineinzugehen. Wobei ein großer Anteil meines Erachtens von den jungen Damen selber kommen muss. Man sollte es nicht mit Druck machen, sondern mit Neugier und mit Unterstützungsangeboten. Aber man sollte damit eine Person nicht umdrehen. Ich glaube, das Hauptproblem, dass man nicht in allen Berufsgruppen ungefähr 50, 50 findet, ist eigentlich etwas, was sehr, sehr viel früher in den Köpfen stattfindet, wo eben doch so was wie alt hergebrachte Rollenbilder präsent sind. Man darf zwar dagegen verstoßen, aber viele machen es einfach nicht oder viele wollen in bestimmte Rollen hinein. Das wirklich komplett über den Haufen zu werfen ist glaub ich schwierig.
Das dauert lange, aber es gibt welche, die sagen “Ach Mensch, warum nicht? Ich probier’s aus. Ich bin so mutig und schwimm auch mal gegen den Strom”. Das sollte aus meiner Sicht gerne unterstützt werden. Es ist nur schwer, jemanden zu überzeugen, etwas zu machen, was die Person selbst nicht möchte. Das ist, glaube ich, gar nicht geschlechtsspezifisch. Man kriegt auch relativ wenige junge Männer dahinein, dass sie Kindergärtner werden oder dass sie als Friseur ihr Dasein verbringen wollen. Da gibt es einfach gewisse Bilder, wo tendenziell Frauen und wo tendenziell Männer angesprochen werden und ich glaube, es wird sehr lange dauern, bis sich das verwächst. Es kann irgendwann ein ganz großer Schwung kommen. Ich glaube aber, man kann es eigentlich nur machen, indem ein paar mutig genug sind, das vorzuleben, dass sie sagen “Ich probier’s aus und wenn es für mich passt, mach ich den Weg auch so!” Also ich glaube auch nicht, dass es noch sehr viele massive Anfeindungen gibt. Ich habe es zumindest als solches eher nicht erlebt.
Jedoch glaube ich, dass viele Frauen nach wie vor bereit sind, z.B. in gewisse Rollenbilder, die als traditionell gelten, auch freiwillig hinein zu schlüpfen. Wie viel freiwillig ist, kann man diskutieren. Aber es ist keiner mehr in dem Sinne gezwungen, so wie vor 50 oder 100 Jahren. Aber ich glaube, gewisse Rollenbilder sind in den Köpfen trotzdem da.

Haben Sie irgendwelche Tipps an Studentinnen?
Traut euch was zu! Probiert es aus! Die Männer machen es genauso.

Text: Anna-Maria Haindl und Christina Fior
Foto: ©Lunghammer – TU Graz

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